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LF01: Christopher Schmidt (Between Bodies, Giver)
Als wir 2020 Phantom Bay aus der Taufe hoben, entstand damit auch die Idee, das Projekt mit einer Publikation zu verknüpfen, um jene Personen zu würdigen, die uns geprägt haben. Es sind Menschen, die unsere Kunst, Werte und Gemeinschaften formen und weiterentwickeln. Ohne sie hat diese Kultur keinen Fortbestand. Artefakte wie Musik sind nur ein Abbild jener, die sie erschaffen.
Leitmotif dokumentiert jene Personen, die unsere Kultur zu der machen, die sie ist. Uns interessieren die Menschen, die Orte schaffen, an denen wir so sein können, wie wir wirklich sind.
Christopher Schmidt ist einer davon. Mit Giver begreift er Hardcore als kollektives, gesellschaftskritisches Langzeitprojekt, mit Between Bodies verschiebt er die Perspektive ins Persönliche. Christopher kommt aus Paderborn, lebt in Köln und hat mehr als die Hälfte seines Lebens in Bands verbracht.
Dieses Gespräch dreht sich um Herkunft und Infrastruktur, um politische Sozialisation, um amerikanisierte Szenen, europäische Zurückhaltung, um Freundschaft als Fundament – und die Frage, was bleibt, wenn man älter wird.
LF: Lass mich hier beginnen: Wir kennen uns erst seit New Native so richtig. Du hast aber mit Giver schon davor eine gemeinsame Show mit meiner damaligen Band Grey Years gespielt. Das war eine eurer ersten Shows.
CS: Ja, ich glaube, das war meine erste Show im Ausland. Ich weiß noch, dass wir eine Anfrage aus Wien bekommen haben und dann für eine Show dorthin gefahren sind. Auf dem Hinweg haben wir bei einem 18. Geburtstag in Frankfurt und auf dem Rückweg in Leipzig gespielt, jeweils vor etwa fünf Leuten. Wir haben uns das über tausend Ecken zusammen organisiert. Es war für uns wirklich besonders, gefragt zu werden, in einem anderen Land eine Show spielen zu dürfen. Aber ja, da sind wir uns das erste Mal über den Weg gelaufen.
LF: Giver war aber nicht deine erste Band. Erzähl mir mehr über Not Your Choice und deine Beziehung zu Intruder.
CS: Wenn ich ganz weit aushole, hatte ich vor Not Your Choice noch zwei weitere Bands, eine Deutschpunk- und eine Alternative Rock-Band. Beide waren mit Laurenz, der aktuell bei Swan Songs spielt. Wir haben mit 13 Jahren angefangen, gemeinsam Musik zu machen und er hilft immer noch bei Between Bodies am Schlagzeug aus.
Not Your Choice war meine erste Hardcore Band und auch die erste, mit der wir aus Paderborn rausgekommen sind. Für mich ist Punk immer mit einem emanzipatorischen und politischen Gedanken verknüpft. Robin, der Sänger, war für mich damals die erste „linke Person“, die ich kennenlernen durfte. Wir haben uns das ein oder andere NPD-Plakat in Paderborn vorgenommen, das war für mich neu und aufregend. Robin hatte gute Kontakte zu Intruder und organisierte uns darüber die ersten Konzerte in Kassel und Ostdeutschland. Im Laufe der Zeit bin auch ich ins Songwriting eingestiegen. Nach dem Abitur sind dann alle weggezogen und die Band hat sich aufgelöst, doch die Zeit war rückblickend enorm prägend für mich. Die Band hat mir gezeigt, dass ich das weiter verfolgen möchte.
Christopher Schmidt mit Between Bodies. Aschaffenburg, 4. Oktober 2025. Foto von Sebastian Igel.
LF: Du bist seit mehr als der Hälfte deines Lebens in Bands aktiv und widmest einen Großteil deiner Lebensenergie dem Schreiben, Texten, Proben, Gestalten, Reisen, Organisieren und Netzwerken. Du hast in einem Interview gesagt, dass “es für dich der einfachste Weg ist, deine Freunde zu sehen”. Es gibt einfachere Wege, in seinen Dreißigern seine Freunde zu sehen. Wieso macht das noch?
CS: In seinen Dreißigern stimmt das vielleicht [lacht]. Bei Giver ist es wirklich so, dass es ein großes Freundschaftsprojekt ist. Das trägt diese Band auch. Für uns ist das nicht selbstverständlich und wir wissen nicht, wie lange das noch anhält. Julian [Gitarre] hat einmal gesagt, dass “wir uns gegenseitig durch die Band zusehen konnten, wie wir zu den Personen werden, die wir heute sind”. Das finde ich sehr treffend. Wir wohnen seit drei Jahren zum ersten Mal seit Bandgründung alle in einer Stadt. Dadurch ist es einfacher geworden, meine besten Freunde an einem Abend zusammenzubekommen. Gleichzeitig gehen wir inzwischen bewusster mit unserer Zeit um, damit unser Sozial- und Familienleben in Köln nicht zu kurz kommt. Trotzdem bedeutet mir die Band immer noch viel, weil Musikmachen für mich eng mit Gemeinschaft verbunden ist.
LF: Ist Between Bodies ein vergleichbares Freundschaftsprojekt, das dazu führt, dass du es weiterhin machst?
CS: Bei Between Bodies ist das anders. Das war erst ein Seitenprojekt von Benni [Gitarre, Keys] und mir. Benni kannte ich ja bereits von Giver. Wir wollten nur eine EP im Stil von RVIVR, Spanish Love Songs und Iron Chic machen. Nils [Schlagzeug] ist einer meiner ältesten Freunde, der für mich eine Schlüsselperson ist, warum ich Punk höre. Er ist knapp acht Jahre älter als ich, ging zur selben Schule und trug damals einen nass rasierten Iro. Von seinen T-Shirts und Buttons habe ich mir die Bands abgeschaut, etwa Set Your Goals und Strike Anywhere. Susan [Gitarre] haben wir auf einer Show im Aether kennengelernt und sie gefragt, ob sie Teil der Band werden möchte. Dann kam Corona und das hat ein intensiveres Kennenlernen in der Gründungsphase sehr schwer gemacht. Ich würde sagen, dass das in den letzten zwei Jahren erst so richtig passiert ist. Erst bei unserem zweiten Album habe ich gemerkt, dass wir auf vielen Ebenen stärker zusammengefunden haben.
LF: Du schreibst auch für beide Projekte. Wie unterscheidet sich das Songwriting, wenn du Giver und Between Bodies gegenüberstellst?
CS: Der große Unterschied ist, dass bei Giver Julian, Benni und ich zusammen schreiben, wir in einer Stadt leben und Julian und ich lange zusammen gewohnt haben. Da konnte ich mit einer Idee sehr schnell zu ihm ins Zimmer kommen, um sie gemeinsam weiter zu entwickeln. Auch jetzt ist es einfacher, sich regelmäßig im Proberaum zu treffen und gemeinsam zu schreiben. Für das letzte Album sind viele Songs einfach durch gemeinsames Spielen entstanden.
Bei Between Bodies ist das anders, denn Nils wohnt in Paderborn, wo ich auch herkomme. Dadurch proben wir fast nie. Ich schreibe die Songs eher alleine im Kämmerchen, habe dadurch bereits einige Feedbackrunden mit mir selbst, bevor ich einen Song an die Band schicke. Meistens entwickle ich Songs auch erst mit Benni weiter, bevor wir die im Proberaum spielen. Wir tabben alles mit GuitarPro, auch wenn es schmerzhaft ist [lacht].
LF: Wie entscheidest du, wann ein Song bereit ist, ihn mit der Band zu teilen?
CS: Für das neue Between Bodies Album habe ich mehrheitlich die Songs selbst ganz fertig geschrieben, bevor wir sie gemeinsam gespielt haben. Ich habe diesmal viel vom Gesang aus geschrieben. Einige Songs haben wir im Proberaum umgeschrieben. Auch Benni hat diesmal einen ganzen Song beigesteuert und war sehr involviert. Aber meistens ist es so, dass ich den Song-Entwurf erstelle, eine Demo mache und diese dann in den Proberaum bringe.
Between Bodies beim Farewell Youth Fest. Scheune Dresden, 21. Juni 2025. Foto von Sebastian Igel.
LF: Wie siehst du das Gleichnis, dass ein guter Song nur “empfangen” werden kann und man aktiv als Songwriter:in nicht viel beeinflussen kann?
CS: Meine romantisierte Haltung zu kreativer Arbeit habe ich abgelegt. Das habe ich Adrian zu verdanken, einem Ex-Giver-Mitglied, der hauptberuflich Filmkomponist ist. Er meinte, dass man sich eben hinsetzen muss, damit etwas rauskommt. Und er hat vollkommen recht. Man muss sich dafür einfach Räume schaffen. Das Schwierige ist, die vielen schlechten Songs abzuwarten, die man zwangsweise schreiben muss, um eine gute Idee zu bekommentreffen. Man muss bereit sein, für die Tonne zu schreiben.
Da mir Texte auch so wichtig sind, schreibe ich auch laufend. Ich habe inzwischen ein Archiv in einem Telegram-Kanal mit mir selbst und diversen Word-Dokumenten, in denen ich alle Ideen sammle. Ich lese Bücher auch immer mit Textmarker, um spannende Passagen zu sammeln. Ich muss aber ehrlich sagen, dass die besten Textzeilen meistens nicht so entstehen, sondern eher spontan durch Einfälle beim Spielen des Songs. Das Archiv hilft aber, Schreibblockaden zu durchbrechen.
Bei Giver bin ich oft etwas verkopft an die Sache rangegangen, weil ich eine sehr klare Idee für den Song brauche, bevor ich mit dem Schreiben anfangen kann. Bei Between Bodies ist etwas entspannter, weil die Songs persönlicher sind, aber auch da muss ich mich hinsetzen und eine Idee entwickeln. Danach schreibe ich sehr iterativ und verbessere Teile, die ich noch gut genug finde, laufend. Ich verbringe sehr viel Zeit mit den Texten.
LF: Das klingt, als würdest du dich eher am Inhalt als am Klang der Texte orientieren, wenn du sie schreibst.
CS: Ja, aber es ist ein Kompromiss. Den Idealzustand, wo beides zusammen passt, gibt es nur selten. Je älter ich werde, desto stärker schreibe ich vom Gesang her. Wahrscheinlich auch, weil ich mich zunehmend wohler mit meinem Gesang fühle. Ich versuche inzwischen, in Songs bewusst Platz für Gesang zu lassen und sie nicht instrumental durch zu takten. Erst danach fange ich an, die Texte zu schreiben. Es gab auf diesem Between Bodies Album auch sehr viel Kollaboration beim Textschreiben, weil auch Nils, Benni und Susan bei vielen Texten Ideen und Kommentare hatten, die wir eingearbeitet haben. Ich schätze es sehr, dass sich alle einbringen. Es sorgt dafür, dass sich die Songs noch mehr wie ein gemeinsames Ergebnis der Band anfühlen.
LF: Beeinflusst Streaming-Kultur und kürzere Aufmerksamkeitsspannen dein Songwriting?
CS: Wir haben immer wieder Diskussionen, wie lange Songs sein dürfen, sodass sie zu Hörgewohnheiten passen und achten darauf, dass die Bestandteile des Songs diesen auch wirklich weiterbringen. Uns ist wichtig, dass die Struktur und Länge songdienlich sind. Wir haben auch aufgehört, uns Dinge zu fragen, welcher Song eine B-Seite gut eröffnen würde [lacht]. Die Hauptsache ist, dass die Songreihenfolge Sinn macht und das Album kohärent ist. Das haben wir dieses Mal vor den Studioaufnahmen geschafft und konnten so mehr über Songübergänge nachdenken. Eine wichtige Frage ist für mich immer auch, mit welchem Song eine Platte beginnt und endet.
LF: Wie siehst du die Entwicklung, dass durch soziale Medien und Videostreaming die Bedeutung von visueller Identität zunimmt und jene von musikalischer Identität vielleicht sogar abnimmt?
CS: Das Visuelle fand ich früher total überbewertet, habe aber mittlerweile großen Respekt, wenn Künstler:innen es schaffen, iIhre Ästhetik um eine visuelle Komponente stimmig zu erweitern. Insbesondere das Cover spielt für mich eine zentrale Rolle. Für die neue Platte werden wir zwar neue Videos drehen, aber Lust darauf hat niemand [lacht]. Auf den sozialen Medien steht dann ja eher die Persönlichkeit im Vordergrund, auch wenn das im Punk und Hardcore vielleicht nicht ganz so ausprägt ist. Das finde ich persönlich eher nervig und ich habe ein zwiespältiges Verhältnis dazu.
LF: Lass uns zum Abschluss auf die europäische Szene blicken. Wie erklärst du dir, dass die europäische Punk- und Hardcore-Szene eher für ihre Infrastruktur und DIY-Netzwerke bekannt ist als für ihre künstlerischen Verdienste?
CS: Eine spannende Frage, die ich mir schon seit Corona stelle [lacht]. Klar, es gibt in Deutschland eine super Infrastruktur. Ich denke an all die Squats, AZs und Jugendzentren, die oft staatlich gefördert werden. Das gibt es in den meisten Ländern einfach nicht. Ich glaube aber auch, dass diese Musikszene zunehmend amerikanisiert und dadurch sehr hochschwellig ist. Man muss Englisch auf sehr gutem Niveau beherrschen, um mitmischen zu können. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass die Amerikaner und Briten ihre Bandprojekte auch ernster nehmen. Ich merke das bei mir ja auch, dass man eigentlich etwas anderes macht, etwa Lehramt studiert, arbeitet und daneben noch eine Band hat. Wohingegen viele Amerikaner ihre Band haben und das Leben drumherum funktionieren muss, nach dem Motto: “du hast sowieso keine Krankenversicherung und dein Leben ist eh am Arsch, wenn etwas passiert, also machst du direkt das, was du eigentlich im Leben machen möchtest” [lacht].
Wir sind auch oft in der Rolle, dass die Impulsgeber aus einem anderen Sprachraum kommen und man selbst nur reproduziert. Natürlich hätten Between Bodies die Option, auf Deutsch zu singen und das wäre sicher die bessere Wahl, wenn man ökonomisch denkt. Aber wenn man mit den Bands spielen möchte, die einen selbst beeinflusst haben und vielleicht auch internationaler touren will, dann kommt man um Englisch nicht herum. Ich frage mich auch, wo am Ende der richtige Weg liegt, um eine eigene Variante dieser Genres zu etablieren, die nach Europa klingt und trotzdem auf Englisch ist.
Für europäische Bands ist es auch weiterhin schwierig in den USA zu touren, aufgrund der Visabestimmungen und der damit verbundenen Kosten. Das ist umgekehrt deutlich einfacher und führt dazu, dass weniger europäische Bands in die USA reisen und, dass sehr viele amerikanische Bands Europa als gut erschlossenen Markt nutzen. Wenn kaum europäische Bands diese Erfahrung machen, bildet sich eben auch keine Infrastruktur.
Ich denke auch, dass es in der Verantwortung der Booking Agenturen liegt, hart arbeitende europäische Bands mehr wertzuschätzen und sie nicht “nur” als Opener spielen zu lassen, wenn die Band selbst mehrere hundert Leute zieht. Meistens ist es doch so, dass drei Ami-Bands kommen und - egal wie groß die sind - die deutsche Band als Opener spielt. Ein gutes Beispiel dafür sind Shoreline aus Münster, die gerade eine Tour mit Arm’s Length gespielt haben. Es gibt da eine Schiefstellung in der Wahrnehmung und Wertschätzung, wenn gedacht wird: “die Band kommt aus Amerika, die muss mehr Wert sein”.
Between Bodies in Köln. Januar 2026. Foto von Sebastian Igel.
LF: Man könnte auch die Netzwerke und Infrastruktur , die ja da sind, aktiv dafür nutzen, europäische Bands, die es aufgrund ihrer künstlerischen Leistung und Arbeit verdienen, entsprechend zu platzieren - auch als Vorbildwirkung für kommende Generationen, um zu zeigen: bleibt dran, dann geht das.
CS: Es braucht eben immer beides: gute Musik reicht nicht, du musst auch ein ehrliches Interesse an Menschen haben. An dieser Stelle Shoutout an ein Positivbeispiel: Echo Chamber, die über 15 Jahre in sehr vielen Bands gespielt haben, selbst Shows veranstaltet haben, Beziehungen gepflegt haben, gute Songs schreiben und eine krasse Live-Band sind. Die konnten nach ein paar Jahren dann auch einige coole US-Touren spielen.
LF: Was wünschst du dir für die europäische Szene?
CS: Ich glaube, mehr Mut, künstlerisch mehr zu investieren; also, mehr Leute, die sich trauen, viel Arbeit in wirklich gute Songs zu stecken – auch, wenn vielleicht nichts dabei rumkommt.
Daneben wünsche ich mir mehr Interesse aus anderen Ländern. Wir haben letztes Jahr mit einigen US-Bands gespielt und da hatte niemand im Kopf, Kontakt zu Labels oder Bookern herzustellen oder eine Band für mehr als zwei Deutschland-Shows mitzunehmen. Ein guter Freund, der früher bei Punch gespielt hat, hat sich darüber immer lustig gemacht, dass die deutschen Bands es zwar oft versuchen, in den USA zu spielen, es aber selten schaffen.
Ich glaube, es bräuchte mehr Offenheit, nicht nur Europa, sondern auch anderen Ländern gegenüber. Die haben es doch noch viel schwerer. Eine globale Szene, die aneinander interessiert ist – das sollte doch unser Anspruch sein.